Es ist heiĂ an diesem Probentag: Die Fenster des Saals im ersten Stock des CVJM-Haus sind weit geĂśffnet. “My Bonnie is over the ocean” – Die Klänge aus zwanzig Blasinstrumenten schwingen Ăźber die Häuser von Vincenzenbronn im Landkreis FĂźrth. Vor dem Halbrund der Männer und Frauen des Posaunenchors sitzt auf zwei Ăźbereinander gestapelten StĂźhlen, die Beine baumelnd Hans KnĂśllinger, ihr Chorleiter. “Wir machen jetzt Takt neun einmal ohne die Melodiestimme”, erklärt der 72-Jährige.
Die Bläser haben inzwischen die Noten des Chorals “Dir gehĂśrt mein Leben” aufgeschlagen. KnĂśllinger zählt eins, zwei, drei, vier. “Das klingt nicht gut, ihr seid weit auseinander”, stellt er nach ein paar Takten fest. Neuer Einsatz. PosaunenchĂśre wie dieser sind HerzstĂźcke der evangelischen Gemeinden in Bayern.
Geschätzt 18.000 Bläser gibt es in etwa 900 ChÜren, die alle einen Dirigenten brauchen.
Seit fast 50 Jahren leitet Hans KnĂśllinger seinen Chor. 27 Jahre lang fungierte er bis 2007 als hauptamtlicher Landesposaunenwart. Immer noch gibt er Fortbildungen und Einzelunterricht. Im Jahr 2018 hat KnĂśllinger den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten.
Hans KnĂśllinger selbst hat mit 13 Jahren begonnen, die Trompete zu blasen. Der im Krieg gefallene Onkel war im Posaunenchor, die Oma “hat Druck gemacht”, der Vater wollte, dass er spielt – “also musste man, so war das damals”. Zunächst kam jeden Sonntagnachmittag der Posaunenchorleiter “und hat mir die TĂśne abgerungen”. Der junge Hans hat Talent, er bringt es bis zur Konzertreife auf dem Instrument, hat Unterricht am Konservatorium fĂźr Musik in NĂźrnberg.
“Ich habe immer schon gerne eingezählt”, erzählt KnĂśllinger wie seine Chorleiter-Karriere begann. Als der Posten in Vincenzenbronn frei wurde, hieĂ es einfach “jetzt machst du das”.
Beim Posaunenchorverband absolvierte er Fortbildungen, pädagogische Ahnung hatte er schon als Jugendgruppenleiter im CVJM gewonnen. Ein guter Posaunenchorleiter darf KnĂśllingers Ansicht nach seine Musiker nicht unter- und nicht Ăźberschätzen. Er soll musikalisches Hintergrundwissen haben und wissen “wie die Choräle klingen mĂźssen, damit die Gemeinde mitsingen kann”.
Mit den Amateur-Bläsern, die oft einen schweren Arbeitstag haben, bevor sie in die Probe kommen, will er nicht zu hart sein, aber “wenn ein StĂźck nicht reingeht, von dem ich meine, das mĂźsste klappen, bin ich schon mal streng”. Allerdings weiĂ Hans KnĂśllinger auch, dass es heute nicht mehr einfach ist, Nachwuchs fĂźr die PosaunenchĂśre zu gewinnen.
Das Musizieren in der Kirche ist nicht mehr selbstverständlich. RegelmäĂig spielt sich mit den Jungen im Chor daher eine solche Szene ab: “Was um halb zehn soll ich am Sonntag schon da sein? Ich weiĂ nicht, ob ich das schaff?”. Dann sagt KnĂśllinger aufmunternd: “Komm, wir brauchen deine Stimme, du kannst das doch so toll”.
Die Probe ist fortgeschritten, der fränkisch zurĂźckhaltende Chorleiter schwingt sich zu einem Lob auf: “Wenn ihr so spielt, wird`s wahrscheinlich gut”. Vielleicht so gut, wie damals beim groĂen Jubiläumskonzert zum 100-jährigen Bestehen des Chores vor acht Jahren. Noch heute läuft KnĂśllinger ein Schauer Ăźber den RĂźcken, wenn er an die guten Akkorde denkt, die seine Bläserinnen und Bläser im Festzelt fanden. “Erschallet ihr Lieder” mit drei Solotrompeten, Pauken und dem Chor. “Das war so schĂśn, so etwas vergisst man nicht”.
